FR EN DE
L’Europe des esprits ou la fascination de l’occulte, 1750-1950 
Séparation

Bereits 1970 fand in Karlsruhe die denkwürdige Ausstellung „Spätgotik am Oberrhein“ statt. Doch erst gegen Ende des Jahrzehnts wurde das später Mittelalter immer häufiger zum Gegenstand von Ausstellungen in Deutschland und anderswo. Seither stoßen Mittelalterausstellungen, genau wie die zahlreichen Monografien über bedeutende Bildhauer, auf ein beständig wachsendes Interesse. Kurzum, das abendländische Mittelalter des 15. und 16. Jahrhunderts wurde – und wird noch immer – erforscht, und weite Teile dieses großen Kontinents sind heute besser bekannt. Seit den 1970er Jahren hat sich unser Bild der spätgotischen Werke und Künstler sehr verändert, und unser Wissen über diese Periode nahm beträchtlich zu.

Die Ausstellung zu Niclaus Gerhaert im Straßburger Musée de l’Œuvre Notre-Dame, das einige Meisterwerke der mittelalterlichen Bildhauerkunst besitzt, ist für mich krönender Höhepunkt der Faszination für einen der wichtigsten Künstler des 15. Jahrhunderts. Gerhaert macht diese Epoche gewissermaßen zur Schwelle der Moderne, denn sein Werk weist mit dem ihm eigenen Menschenbild weit über den Endzeitcharakter des Spätmittelalters – im Sinne einer bloßen Verlängerung der Errungenschaften vorangegangener Zeiten – hinaus.

Gerhaerts zwischen 1462 und 1467 in Straßburg entstandene Bildwerke, vor allem seine Büsten, die mit aufgestütztem Arm aus dem Fenster schauen, als wollten sie sich dem Blick der Betrachters ganz bewusst darbieten, zählen zu den bemerkenswertesten Neuerungen der Spätgotik.Gewiss erfand er dieses Motiv nicht, doch war er der Erste, der es mit einem den südniederländischen Malern vergleichbaren Gespür für die menschliche Physiognomie ausformte. Indem Niclaus Gerhaert seine Büsten nicht in den fiktiven Raum eines Gemäldes, sondern in den realen Raum einer Fassade oder einer Kapelle stellt, verleiht er ihnen Präsenz und Eigenleben. Nachdem in Florenz einige Jahrzehnte zuvor die Zentralperspektive entwickelt worden war, schuf Gerhaert in den 1460er Jahren erstmals die Illusion, dass seine Skulpturen wie in Verlängerung der Wirklichkeit mit dem Betrachter ins Zwiegespräch treten.

Der „moderne Blick“ nimmt für uns eine zweifache Bedeutung an: Zum einen ist es der Blick dieser in der Welt verankerten Büsten und zum anderen der Blick des genialen Künstlers nicht mehr nur auf die Figuren der christlichen Welt, sondern seine Wahrnehmung des Menschen mit den ihm eigenen psychologischen Merkmalen, die Gerhaert mit den Mitteln des virtuosen Bildhauers bis in jede Einzelheit durchdringt. Aus all diesen Gründen gehört Niclaus Gerhaert von Leyden in gewisser Hinsicht nicht mehr dem Mittelalter an, sondern ist bereits ein moderner Künstler.

Roland Recht
Mitglied des Institut de France, Professor am Collège de France
Ko-Kurator der Ausstellung